Das Degenfechten ...

... entstand im 16. Jahrhundert in Italien als Form der Selbstverteidigung. Zunächst noch von der Deutschen Schule beeinflusst, entwickelte es sich bald hin zum reinen Stoßfechten. Der Fechtmeister Camillo Agrippa, der als echter homo universalis der Renaissance gleichzeitig auch als Baumeister und Mathematiker glänzte, begründete mit seinem Buch "Trattato di scientia d'arme" (1553) eine neue Technik, in der immer mehr auf das Primat des Hiebes verzichtet wurde. Agrippa entwickelte und beschrieb darin ein neues Auslagensystem, das auf den vier Faust- und Klingenlagen Prim, Second, Terz und Quart basierte und damit als Vorläufer unseres heutigen Fechtens gelten kann. Ihm ist auch die Erkenntnis zu verdanken, dass begrenzte Bewegungen und der Ausfall die wirksamsten Mittel zur Führung eines Fechtkampfes seien.

Der Degen, wie wir ihn heute kennen, ist der Urenkel des beim Duell verwendeten Degens des 18. und 19. Jahrhunderts. Im Vergleich mit dem zierlichen Florett, das historisch niemals beim Duell, sondern lediglich als Übungswaffe für den Duelldegen eingesetzt wurde, ist er weitaus stabiler und schwerer und zum Schutz der Hand zudem mit einer auffällig größeren Glocke versehen. Beim Degenfechten konzentrieren sich nämlich viele Aktionen darauf,den gegnerischen Waffenarm und insbesondere dessen Hand zu treffen, da diese in unmittelbarer Nähe und ohne kritische Mensurveränderung erreichbar sind.

Seine entwicklungsgeschichtliche Besonderheit führt dazu, dass beim Degenfechten - im Gegensatz zu den beiden anderen heute gebräuchlichen Sportwaffen - ein Doppeltreffer möglich ist. Während Florett und Säbel den Konventionen von Angriffsrecht und Verteidigungspflicht unterworfen sind, kennt der Degen hinsichtlich des Treffens im Grunde nur die Maxime "Immer und überall". Bei einem Duell im 18. Jahrhundert ging es stets auf Leben und Tod, und wenn beide Kontrahenten getroffen wurden, dann waren auch beide mindestens ernsthaft verletzt. Es wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, verwundet einen Treffer des Gegners als "ungültig" zu reklamieren, weil dieser sich nicht "im Angriff" befunden habe ...

Das Fehlen des Treffervorrechts macht die Beurteilung des Degenfechtens mit bloßem Auge kaum nachvollziehbar. Deshalb wurde weit vor den anderen Sportwaffen eine elektrische Trefferanzeige für diese Waffe entwickelt, die bereits bei den Olympischen Spielen 1936 Anwendung fand. Es bedarf heute beispielsweise einer Gleichzeitigkeit des doppelseitigen Treffens innerhalb von 1/25 s. Nur dann leuchten für beide Fechter die farbigen Signale auf, die einen gültigen Treffer für beide Fechter verkünden.

Der Degen ist, im Gegensatz zum Säbel, eine reine Stoßwaffe. Dies bedeutet, dass ein gültiger Treffer nur ausgelöst wird, wenn die Spitze mit einem Gewicht von 750 Gramm auf dem gegnerischen Körper auftrifft. Es reicht also nicht, sein Gegenüber mal kurz zu berühren; andererseits ist es aber auch nicht notwendig, ihm Blutergüsse in den schillerndsten Farben beizubringen (obgleich man dies leider nicht immer ganz vermeiden kann). Weitere Informationen zu Maßen und Gewicht des Degens findet man übrigens auch unter Waffen.

Wie beim "echten" Duell ist auch beim heutigen Sportdegenfechten der gesamte Körper Trefffläche. Besondere Bedeutung kommt dabei - wie oben schon erwähnt - den Arm- und Handtreffern zu. Zusätzliche beliebte Angriffsziele sind die Füße und der Kopf, also immer schön auch auf die entlegensten Körperteile aufpassen! Weil Treffer auch oft auf den Oberschenkel gesetzt werden, ist es nicht gern gesehen, wenn Fechter beim Training der Bequemlichkeit zuliebe in Jogginghosen auf die Bahn gehen. Und wer schon einmal eine hübsche blutige Schramme am Schienbein davon getragen hat, weiß danach auch, warum Fechtstrümpfe immer hoch gezogen werden sollen ...

Strategie und Taktik spielen im Degenfechten eine größere Rolle als beim Florett und beim Säbel. Defensive, also auf Verteidigung basierende Elemente sind, nicht zuletzt zur Vermeidung der erwähnten Doppeltreffer, weitaus häufiger zu finden. Daraus resultiert, dass Degengefechte oft zeitlich länger dauern. Manchmal geht dies - insbesondere beim Damendegen - mit einem derartigen Verlust an Dynamik einher, dass manche Florett- und Säbelfechter sich gern einmal über das vermeintliche "Standfechten" lustig machen.

Wir schließen uns zum Thema Degenfechten lieber folgenden Worten an: "Zur erfolgreichen Bewältigung der vielfältigen Variationsmöglichkeiten eines Degengefechts sind Geduld, Erfahrung, strategisch-taktische Fähigkeiten und gutes Tempogefühl von hoher Bedeutung. Generell gilt, dass für eine erfolgreiche Offensive ein Degenfechter gerade auch über eine gute Verteidigung verfügen muss. Umgekehrt kann eine gute Defensive nur erfolgreich sein, wenn gelegentlich gefährliche Offensivelemente eingebaut werden."

[Barth/Beck (Hrsg.): Fechttraining; Meyer & Meyer Verlag, 2000, S. 250.]